Sibylle Duhm-Arnaudov

Interventionen

Intervention – zum Begriff

In der Kunst bezeichnet „Intervention“ eine künstlerische Aktion im öffentlichen Raum. Macht z. B. ein Künstler auf der Straße Musik oder spielt er eine Theaterszene, tritt er mit dem Fluidum des Raums und mit den ihn bevölkernden Menschen in Beziehung, erregt ihre Aufmerksamkeit; möglicherweise provoziert er Reaktionen seines Publikums, die sich im Denken oder Handeln des Reagierenden ereignen können.  Es entsteht ein spezifisches Spannungsverhältnis zwischen dem künstlerisch Agierenden, dem Präsentierten und den (freiwilligen oder unfreiwilligen) Rezipienten.

Der Künstler wird die Intensität des Spannungsverhältnisses zu steuern versuchen: Ob er amüsiert oder provoziert, Zustimmung, Ablehnung, Nachdenken oder Aggression erzeugt, leise oder laut agiert, konventionell oder überraschend, ist ihm überlassen.

Dabei bleibt eine „Überraschungsgrauzone“; denn ob ein Publikum so reagiert, wie es der Künstler unterstellt, wenn er seine Intervention plant, ist nie sicher. Auch hier entsteht ein meist produktives Spannungsverhältnis zwischen der Interventionsabsicht des Künstlers und dem Effekt, den er tatsächlich erzielt.

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Interventionen:

 

!980:  Folienskulpturen über der Abwärme des Kernkraftwerks in Neckarwestheim. Aktion in der sich veränderten Flora des Abwasserbeckens am Neckar.

1984: Apokalypse.  Ausstellung und Installation mit Texten aus der Apokalypse in und  auf den Gewächshäusern  einer Gärtnerei in Walheim, neben der Lande- und Verladestelle für Atommüll aus Neckarwestheim.

2000: Abschied vom 20.Jahrhundert.  24Stündige szenische Videoinstallation mit filmischen Dokumentationen zum 20ten Jahrhundert auf 25 Monitoren. (Unter anderem zur Auswirkung des Kernkraftwerkes Neckarwestheim auf die Krebsstatistik in Walheim.)

2002: Jeder Engel ist schrecklich.  Szenische Videoinstallation in verschiedenen Kirchen. Auf 50 Monitoren in den Kirchenbänken sind Filme mit je einer Stunde aus dem Leben eines Ditzinger Bürgers zu sehen. Die Zuschauer sitzen im Chor und blicken auf sich selbst. Engelsgestalten tanzen Hardrockkompositionen des Komponisten Martin Tanscek und zu Kompositionen von Steve Reich. Den literarischen Leitfaden bilden Duineser Elegien von Rilke, Texte von Juliane Müller, Döblin, Joseph Roth und Friederike Roth sind im Mittelgang und zwischen den Monitoren szenisch umgesetzt.

2013: Kunst im Süden.  In der Böblingerstraße in Stuttgart wurden exemplarisch für den Überlebenskampf der Menschen Gemälde von galizischen Horreos von Geschäft zu Geschäft, deren Betreiber aus 25 Nationen stammen, getragen und dort fotografiert.

2015: Herrenhäuser-Supermärkte  Die Relikte einer feudalen Gesellschaft wurden als Bilder in die Sinnbilder einer neuerlichen Kolonisaton durch den Westen in die neu entstandenen Supermärkte in Vorpommern getragen und dort fortografiert.

2018-19: „Peenemünde Compassion“  In Zusammenarbeit von japanischen und deutschen Künstlern entsteht eine Performance, die aus verschiedenen künstlerischen Perspektiven technischen Fortschritt und seine polarisierenden Folgen in den Fokus nimmt.

"Peenemünde Compassion" Butoh-Performance

Mit dieser Butoh-Tanz-Performance hat die Stuttgarter Künstlerin Sibylle Duhm-Arnaudov in Zusammenarbeit mit der japanischen Sängerin Yasuko Kozaki ein multimediales Gesamtkunstwerk geschaffen. Diese außergewöhnliche Performance vereint Gesang, Tanz und bildende Kunst. Zusammen mit der Verschmelzung klassischer und zeitgenössischer japanischer Kultur mit europäischer Tradition und Avantgarde entsteht daraus ein einmaliges, neues Kunstereignis. 

Mit Seiji Tanaka, dem japanischen Butoh-Tänzer und Butoh-Lehrer, Schüler des Butoh- Begründers Kazuo Ohno, mit Yasuko Kozaki, japanische Sopranistin und ehemaliges Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart, und mit Cornelis Witthoefft, renommierter Pianist, Musik- und vergleichender Literaturwissenschaftler, spürt Sibylle Duhm-Arnaudov der Grenze zwischen menschlichem Forscherdrang und menschlicher Zerstörungswut nach. Jeder der beteiligten Künstler bewegt sich dabei in seinem eigenen künstlerischen Spektrum, im Zusammenspiel aber entsteht daraus                  etwas völlig Neues und Überraschendes.                                                                                              

Jenseits intellektueller Wahrnehmung bietet die intuitive Verbindung europäischer Musik mit japanischem Butoh die Möglichkeit, den Zuschauer mit einem der menschlichen Grundwidersprüche zu konfrontieren: Forschergeist und fast spielerische Suche nach zivilisatorischem Fortschritt schlagen immer wieder um in zerstörerische kollektive Amokläufe, in denen technische Errungenschaften zu Instrumenten der Zerstörung pervertieren.  

Butoh

Die oft ungewohnt langsamen Bewegungsformen von Butoh geben dem Zuschauer die Zeit, menschliche Hybris ebenso wie abgrundtiefes Leid und äußerste Aggression emotional wahrzunehmen und ihrer Wirkung nachzuspüren. Die seit 1959 von Kazuo Ohno und anderen entwickelte Variante des modernen Ausdruckstanzes, der auch Wurzeln in Kabuki- und No-Theater hat, ist wie kaum eine andere künstlerische Ausdrucksform geeignet, sowohl das Gute als auch die Abgründe menschlichen Lebens und Handelns erlebbar zu machen und bis zu ihren archetypischen Wurzeln zurückzuverfolgen.

Musik                                                                                                                    

Von großer Bedeutung sind dabei Musik und Stimme, an deren unsichtbaren Fäden der Tänzer sich durch Raum und Empfindung führen lässt. Von ihnen bekommt er Impulse, die er in Körperausdruck und Bewegung aufnimmt und spiegelt.

Ausgehend von den in der Performance zu hörenden Instrumentalstücken und Liedern von Axel Ruoff, Viktor Ullmann, Hanns Eisler, Karel Berman, Leonard Bernstein und anderen lassen die Musiker die zwiespältige Atmosphäre des Raumes in Peenemünde in musikalische Improvisation einfließen. 

Geschichte                   

In Bezug auf den zweiten Weltkrieg teilen Deutschland und Japan in vielerlei Hinsicht ähnlich schwierige historische Erfahrungen.Butoh wiederum wird von seinen Begründern neben anderem auch ausdrücklich als Reaktion auf die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki verstanden.

In der Heeresversuchsanstalt Peenemünde wurden im zweiten Weltkrieg Massenvernichtungswaffen entwickelt, vor allem V1 und V2, die als „Wunderwaffen“ dem längst verlorenen Krieg eine Wende geben sollten und wesentliches Element der nationalsozialistischen Durchhaltepropaganda waren. Die technischen Erfolge der Ingenieure unter Leitung Wernher von Brauns wurden nach 1945 zur Basis der internationalen Raumfahrt, als deren „Vater“ von Braun bis heute gilt. Hier beginnt die Entwicklung, die einerseits in die vorläufig größte technische Leistung der Menschheit, die Landung auf dem Mond, und andererseits in die apokalyptischen Katastrophen von Hiroshima und Nagasaki mündet.

Finissage

Den Anstoß zu dem Projekt gab die Beschäftigung mit dem Historisch-Technischen Museum auf dem Gelände der ehemaligen Heeresversuchsanstalt Peenemünde, wo die von Till Richter, Direktor des Till-Richter  Museums Buggenhagen, ins Leben gerufene  Ausstellung „Imprinting History“ mit Arbeiten des spanischen Malers Gregorio Iglesias Mayo und des mexikanischen Druckgrafikers Miguel A. Aragon auf den Menschen hinter der Technik aufmerksam macht. Im Kesselhaus des ehemaligen Kraftwerks entsteht die Performance im Dialog mit der Leinwand von Iglesias Mayo und führt die künstlerische Ausei-nandersetzung mit den polarisierenden Energien des Ortes weiter.

    

 

 

Wir danken der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Stuttgart, dem Kulturamt Stuttgart und dem Historisch-Technischen Museum Peenemünde für Ihre Unterstützung

     

 

Für weitere Spenden, um die Finanzierung des Projekts endgültig sicherzustellen, sind wir Ihnen sehr dankbar.

IBAN: DE27 6039 0300 0060 4030 12

Kontoinhaber: Sibylle Duhm-Arnaudov     Stichwort: Peenemünde Compassion

 

                                                  

 

  

 

 

    

       

 

 






Herrenhäuser – Supermärkte

Konzeption und Fotografie
Sibylle Duhm-Arnaudov
Recherche und Fotografie
Peter Lauck

Projektbeschreibung

Herrenhäuser und Schlösser sind in Ostvorpommern häufige und typische Relikte der ehemals feudalen Strukturen, die hier bis 1945 herrschten.


Nach 1945 wird der Grundbesitz enteignet und die Gebäude werden zum größten Teil Nutzungen zugeführt, die der Allgemeinheit dienen. Der Wohnraum in Gutshäusern wird in kleine Wohneinheiten unterteilt. Es kommt zu Plünderungen, Entstellungen und Verkrüppelungen an den feudalen Bauwerken. Der kulturelle Wert der Bauwerke und ihrer Einrichtung geht häufig verloren. 

Nach der Wende sind die kleinen Gemeinden überfordert, die erheblichen Mittel aufzubringen, um die Gebäude jeweils zu erhalten. Es entstehen Fördervereine und Ähnliches, um wenigsten den gröbsten Verfall zu stoppen.

Es gibt zunehmend Beispiele, in denen die Restaurierung glückt. Teilweise aus privaten Mitteln, wie beim Schloss Buggenhagen, das nach langer Leidensgeschichte von Dr. Till Richter liebevoll restauriert wurde und noch wird und als Museum für zeitgenössische Kunst wieder einen hochkarätigen kulturellen Akzent in dieser Gegend setzt, teilweise auch aus Spenden wie bei Schloss Stolpe. Schloss Stolpe dient zum Beispiel als musikalische Bildungsstätte und ist für die Öffentlichkeit zugänglich, die den Fortschritt der Renovation miterleben und unterstützen kann.

Diese Herren-, Gutshäuser und Schlösser sind zu Bildern geworden, die die vielfältige Brechungdurch die Geschichte verdichten und erfahrbar machen.Sie wurden konfrontiert mit den Repräsentanten unserer Gegenwart, den Supermärkten, die sich wie je ein Gürtel auch um die Städte Greifswald, Wolgast und Anklam legen. Sie wurden durch diese Supermärkte und Einkaufszentren getragen und dort fotografiert. In den Fotografien verbinden sich die verschiedenen Ebenen zu einem ästhetisch wahrnehmbaren Ganzen.




Ausstellung Schloss Stolpe 2016

Kunst im Süden

Konzeption und Malerei
Sibylle Duhm-Arnaudov
Fotografie und Mediengestaltung
Petra Hagelauer

Projektbeschreibung

Die Volksbank Heslach war für vier Wochen öffentliche Straßengalerie. Jeder Passant konnte in ihren Schaufenstern hinter die Schaufenster von Geschäften und Restaurants in der Böblinger Straße schauen.
Wir machen die Kraft der kulturellen Vielfalt in der Böblinger Straße durch diese Kunstintervention erlebbar.
Als künstlerischer Impuls dienen drei Gemälde von galicischen Getreidespeichern. Sie sind Symbol für die Absicherung der Existenzgrundlage – die Grundlebensmittel– und somit der „gemeinsame Nenner“ der Ortsansässigen, die mit ihren Geschäften ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Die Gemälde wurden in 24 Geschäften und Restaurants zwischen Marienplatz und Erwin-Schöttle-Platz mit den unterschiedlichsten kulturellen Umfeldern konfrontiert und fotografiert.
Mit unserer Dokumentation zeigen wir, wie die Bilder ihre Umgebung beeinflussen und wie die Umgebung die Bilder beeinflusst.

im Kontext fotografierte Malerei Hórreos Kreide/Graphit auf Leinwand Fotografie Petra Hagelauer



Jeder Engel ist schrecklich...

Artikel aus "Spiel und Theater"

56.Jahrgang Heft 173

April 2004