Sibylle Duhm-Arnaudov

"Peenemünde Compassion" - Vernichtender Fortschritt

Mit dieser Butho-Tanz-Performance kam 2019 im Historisch-Technischen Museum in Peenemünde ein Gesamtkunstwerk zur Aufführung, das ich zusammen mit der japanischen Sängerin Yasuko Kozaki und dem japanischen Butoh-Tänzer Seiji Tanaka entwickelt habe.

Die zugehörige Bühnenfassung war im Juni 2019 im Theaterhaus in Stuttgart zu erleben.

Ankündigung:                                                                                                                                     Die Weiterbearbeitung des Themas Peenemünde II Vernichtender Fortschritt - Hoffnung?  wird am 23.Mai 2020 im Theaterhaus in Stuttgart uraufgeführt.

 

 

 



 

 

 

Jenseits intellektueller Wahrnehmung bietet die intuitive Verbindung europäischer Musik mit japanischem Butoh-Tanz die Möglichkeit, den Zuschauer mit einem der menschlichen Grundwidersprüche zu konfrontieren. Forschergeist und fast spielerische Suche nach zivilisatorischem Fortschritt schlagen immer wieder um in zerstörerische kollektive Amokläufe, in denen technische Errungenschaften zu Instrumenten der Zerstörung pervertieren. Die mitunter quälend langsamen Bewegungsformen von Butioh geben dem Zuschauer die Zeit, menschliche Hybris ebenso wie abgrundtiefes Leid und äußerste Aggression emotional wahrzunehmen.

 

Mit Seiji Tanaka, dem japanischen Butoh-Tänzer, Schüler der Butoh-Begründer Kazuo Ohno,Tatsumi Hijikata und Yoshito Ohno, mit Yasuko Kozaki, japanische Sopranistin und ehemaliges Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart, und mit Cornelis Witthoefft, renommierter Pianist, Musik- und vergleichender Literaturwissenschaftler, spüre ich in dieser Performance der Grenze zwischen menschlichem Forscherdrang und menschlicher Zerstörungswut nach. Jeder der daran beteiligten Künstler bewegt sich dabei in seinem eigenen künstlerischen Spektrum, im Zusammenspiel aber entsteht daraus etwas völlig Neues und Überraschendes.

Im Theaterhaus in Stuttgart wird der Fotograf und Filmemacher Günther Raupp die Atmosphäre des Kesselhauses in Peenemünde durch Videos erfahrbar machen.


Warum gerade Peenemünde?

Der emotionale Hintergrund:

Peenemünde ist steingewordene Geschichte. Die divergierenden und polarisierenden Themen  dort reichen von menschlichem Erfindergeist und Schöpfertum bis zu den schwarzen Abgründen, dem Bösen im Menschen, der seine Mitmenschen versklavt und vernichtet. Der die Menschheit weiterzubringen glaubt und die Vernichtung und den Schmerz, den er dieser dabei zufügt, nicht wahrnimmt, billigend in Kauf nimmt und im schlimmsten Fall daran Vergnügen findet.

Die Ausstellungen dort zeigen zum einen die technischen Entwicklungen, den homo faber, faszinieren die Besucher auf dieser Ebene und bleiben so im kollektiven Gedächtnis. Zum anderen machen die künstlerischen Kommentare von Iglesias Mayo und Arragon im Projekt „Imprinting History“ den Menschen neben und hinter der Technik sichtbar.

Wir wollen in unserer Performance die vielfältigen Energien, die auch durch diese Kunstwerke im Raum des Kesselhauses von Peenemünde vorhanden sind, sichtbar und fühlbar machen. Den Schmerz, den verzweifelten Menschen, die Hoffnung, den homo ludens. Dazu wollen wir in weitere Dimensionen vorstoßen. Ausgehend von den Bildern von Iglesias Mayo und Arragon in die dritte Dimension zum Tanz, der in Bewegung und Gestik aus diesen Energien hervorgeht und den Menschen direkt greifbar macht. Vorstoßen bis hin zur  Auflösung der Körperlichkeit über den Klang, den Gesang: Vielleicht Erlösung, vielleicht Überwindung und Anknüpfung an eine hoffentlich bewusstere Gegenwart.

Es gibt keinen anderen Ort in Deutschland, an dem diese Elemente in dieser nackten Härte aufeinanderstoßen. Deshalb arbeiten wir an diesem Ort.

 

Warum gerade deutsch japanische Zusammenarbeit?

Ziel der Arbeit an der Performance ist es, die Perspektiven der japanischen und deutschen Künstler auf ein gemeinsames Stück Geschichte zusammenzuführen, gemeinsam an dessen Bewältigung zu arbeiten und einen ebenfalls gemeinsamen Blick auf die globale Zukunft zu werfen. Wir verbinden Elemente japanischer und  europäischer Kultur und Geschichte. Es geht um ethische Fragen im Umgang mit Technik und den gedanklichen Austausch zwischen Vertretern europäischer und japanischer Kultur ..

Das multimediale Zusammenspiel von japanischer und europäischer Musik, Butoh- Tanz und Bühnenperformance ermöglicht den unmittelbaren Zugang zur emotionalen Intelligenz der Zuschauer und der weiterführenden Beschäftigung mit dem Thema.

Der kulturelle Austausch mit Japan findet auf zwei Ebenen statt:

Zum einen auf der der direkten Zusammenarbeit deutscher und japanischer Künstler und zum andern durch den Transfer der filmischen Dokumentation der gemeinsamen Arbeit nach Japan

 

 

 

 

 

Fotos Seiji Tanaka by yixtape und Kiyoshi Katsumizu

Fotos Peenemünde Peter Lauck